Raum(Ge)schichten

Ein Fotografieprojekt – Knopfhäusle-Siedlung in Freiburg von 2020 bis 2023

Raum(Ge)schichten

Räume können verschwiegen sein…

…und geben nur nach und nach ihre Geheimnisse preis,

andere Räume warten nur darauf, dass jemand ihnen zuhört.

Welche Spuren unseres Lebens tragen die Räume, in denen wir wohnen?

Raum(Ge)schichten – Knopfhäusle

+ + + Akutuell sind alle 12 Fotos am Bauzaun nicht mehr zu besichtigen,
da alle Drucke seit 17.05.2023 verschwunden sind! + + +

 

 

Fotografien von Ulirich Kaiser.

Welche Spuren unseres Lebens tragen die Räume, in denen wir wohnen? Welche Geschichten erzählen sie über ihre Bewohnerinnen und Bewohner? Manche Räume sind verschwiegen und geben nur nach und nach unsere Geheimnisse preis; andere warten nur darauf, dass jemand ihnen zuhört.

Als die Knopfhäusle-Wohnungen saniert werden sollten, wollte ich sie unbedingt fotografieren. In der Nähe aufgewachsen, habe ich seit über fünfzig Jahren einen engen Bezug zu diesem denkmalgeschützten Wohnviertel. Die Fotografien der verlassenen Wohnungen entstanden zwischen 2020 und 2023, die Mieter waren bereits teilweise ausgezogen, die Sanierung stand unmittelbar bevor. Die leer stehenden Räume erinnern an die Bewohner, die über Jahrzehnte dort ein Zuhause fanden. Auch wenn ein Großteil der Möbel und Erinnerungsstücke bereits fort waren – so offenbaren die Wände, Tapeten, einzelne, zurückgelassene Gegenstände und auch das Licht ihre Hoffnungen und Wünsche. Sie erzählen von einer Zeit, die unwiederbringlich vergangen ist.

Als ich mich mit meinem Fotoapparat auf Spurensuche begab, konnte ich feststellen, dass sich die Wahrnehmung des Betrachters mit der Reduktion auf den leeren Raum verändert. Wandfarben, Tapeten, Gardinen, einzelne liegengelassene Dinge erhalten eine neue Bedeutung, sie entwickeln eine Schönheit, die auf die Individualität und Kreativität ihrer Bewohner hinweist. Was zuvor unscheinbar war und kaum Beachtung fand, wird neu erzählt und lebendig. Details, die vielleicht keine oder wenig Aufmerksamkeit erhielten, sind unerwartet präsent und sichtbar. Stehengelassene Lampen, Kleiderständer, offene Fenster, ein verlassenes Bett, ein ausgedienter Ofen – all diese Dinge, die wir auch aus unseren eigenen Räumen kennen, werden herausgehoben aus dem Alltag, bieten eine ganz eigene Interpretation an. Der Raum erzählt eine neue Geschichte.

Die Innenräume der Knopfhäusle-Siedlung zeigen Spuren aus der Vergangenheit auf. Wie archäologische Funde werden durch die Sanierung Schichten aus einhundert Jahren sichtbar: Putz, Mörtel, Tapeten, Farben, Einbaumöbel, sogar verborgene Türen. Die Abnutzung und der Alterungsprozess der Wohnungen, über manchmal sehr lange Zeiträume, spielt in der Anmutung der Räume eine tragende Rolle. In einigen Häusern sind die Bewohner aufgewachsen, sie haben bereits mit ihren Eltern darin gewohnt und die Wohnung später übernommen. Renoviert und modernisiert wurde selten, die Wohnungen sind weitestgehend im Originalzustand belassen oder nur mit dem Nötigsten, z. B. einer Duschwanne versehen worden. Die zurückgelassenen Räume sind wie eine Reise in die Vergangenheit – Schatten offenbaren abgehängte Bilderrahmen, Badkacheln die Ästhetik anderer Epochen – aber sie erlauben auch einen Blick auf die eigene Wahrnehmung. Jedes Bild lässt eigene Interpretationen, Überlegungen und Gedanken zu. Ich möchte mit meinen Fotografien anregen, diese Gedanken, Annahmen, Vorurteile und Stereotype kritisch zu hinterfragen, vielleicht auch zu verändern. Die Bilder zeigen nur ein Bruchstück der Realität und spiegeln unsere Konzepte, Sichtweisen der Welt wider. Jede Fotografie ist in ihrer Reduktion auf das Wesentliche in diese Offenheit gesetzt.

Unsere Ansichten und Worte können uns mit der Welt verbinden oder uns von ihr trennen. Wie und unter welchen Umständen Menschen in den Wohnungen der Knopfhäusle-Siedlung jeweils gelebt haben, kann kein Betrachter der Fotos wirklich beurteilen – und gerade darum geht es mir in meiner Arbeit nicht. Die Fotografien werben für ein gegenseitiges Verständnis, öffnen einen Raum jenseits des Urteilens. Sie sind Teil eines komplexen Kommunikationspro-
zesses, der Tag für Tag, Sekunde für Sekunde Teil unseres Lebens ist. Vieles bleibt uns für immer verborgen, geheimnisvoll, und hat gerade durch diese Unvollständigkeit eine unantastbare Würde. In diesem unverstellten Blick, in dieser ehrlichen Freude der Begegnung mit Unbekanntem und Alltäglichem klingen Fragen an: Wie schaue ich die Welt an? Wieso denke ich das? Bin ich mir bewusst, was ich denke? Was lösen meine Gedanken Worte aus?

 

Das Projet umfasst viele hunderte Fotografien, die in den drei Jahren von 2020 bis 2023 entstanden sind. Sie sehen hier nur einen kleinen Auszug…

Mehr Fotografien finden Sie auch unter www.ulrichkaiser.de

 

Ganz herzlichen Dank an all die Menschen, die mich so tatkräftig und begeistert bei der Umsetzung unterstützt haben und die so offen mir und diesem Projekt gegenüber waren.